Cyberpunk 2077 oder “Gewalt ist sowas von cool!”

Die Spielergemeinde atmet auf. Endlich ist er da. Der große Reveal zu Cyberpunk 2077, dem neuesten Streich der Witcher-Macher. Schon in der ersten Sekunde wird klar: Hier geht es total erwachsen zu! “May contain content inappropriate for children”. Uiuiui! Erfahrene Musik-Käufer aus den 90ern wissen schon, dass der gefährlich klingende Spruch auf weiß-schwarzem Hintergrund letztlich eher “Jugendliche greifen besonders gerne zu!” bedeutet, statt eine wirksame Warnung für Erziehungsberechtigte darzustellen. Aber eins muss man CD Projekt lassen: Diese Message ziehen sie in den folgenden fast 50 Minuten absolut konsequent durch!

Schon der darauf folgende kaum 10-sekündige Zusammenschnitt macht deutlich, wohin die Reise geht. Menschen niederschlagen, ihnen ins Genick springen, Köpfe zerstechen, Waffen, Leichen, Waffen, Leichen, oh mein Gott, Boom! Cyberpunk-Logo! Wichtig dabei: Die stylisch-futuristische Frisur sitzt. Gott sei Dank gibt es Drei Wetter Taft auch noch in 59 Jahren!

Was folgt ist das eigentliche Spiel und damit die ultimative Teenager-Power-Fantasy. Kopfschuss aus nächster Nähe, Kopfschuss unter Wasser! Dann dutzendweise humanoide, praktischerweise aber völlig entmenschlichte “Feinde” (die haben alle einen Virus!) über den Haufen schießen. Zeitlupe an, auf den Knien in Deckung rutschen und weiter töten, töten, töten. Ach, und zwischendurch gibt’s eine nackte Frau und den entblößten Hintern der weiblichen Hauptfigur in Nahaufnahme. Spätestens jetzt ist das echt alles so cool und erwachsen, dass wir das bestimmt auch merken würden, wenn uns der Erzähler nicht alle paar Minuten darauf hinweisen würde.

Im weiteren Verlauf treffen wir einen verdammt coolen Gangster mit einem goldenen Roboterarm, lassen uns ein Handimplantat verpassen, das uns eine Munitionsanzeige beschert, damit wir noch effizienter (Un-)Menschen in den Kopf schießen können und ballern wild aus unserem “superpowered sports car”, das vom “super fuel of the future” (sic) angetrieben wird. Dabei richten wir auch gleich unter der staffagenhaften Zivilbevölkerung Chaos und Zerstörung an. Guck mal Mama, so cool und erwachsen!

Zum Ende wird dann noch einmal ausführlich demonstriert, was für geile Waffen es im Spiel gibt und wie geil wir damit Gliedmaßen wegschießen können. Doch von so einer kleinen Gewaltorgie lässt sich unsere Heldin selbstverständlich nicht aus der Ruhe bringen. Jetzt erstmal auf einen Scotch in die nächste Bar und richtig abfeiern. Wow, was für eine coole Socke!

Uff.

Jetzt aber schnell Video aus und Hirn an. Wer das, was wir bisher von Cyberpunk 2077 sehen konnten, ernsthaft als “erwachsen” oder gar “narrativen Höhepunkt des Mediums” wahrnimmt, der muss sich nicht wundern, wenn Games bei nächster Gelegenheit mal wieder nicht ernst genommen werden.

Davon, dass hier aus dem die Kunstform definierenden Element der Interaktivität wenig bis gar nichts herausgeholt wird, will ich gar nicht anfangen. Schließlich zeigt der große “Gameplay Reveal” ja auch nur 10% der Zeit Gameplay und selbiges ist mit “kompetenter Shooter” praktisch schon erschöpfend beschrieben. Von einer Produktion dieser Größenordnung ist wohl auch kaum mehr zu erwarten.

Nein, rein inhaltlich betrachtet wäre das gezeigte Material als Film schlicht Action-Trash, eine kindsköpfig glorifizierte Vorstellung des Erwachsenseins. Ein pubertärer Powertrip, den eine bestimmte Zielgruppe sicher für unterhaltsam halten, aber niemand bei klarem Verstand als anspruchs- oder wertvoll bezeichnen würde.

Doch in der Welt der Videospiele gelten eben (noch) andere Maßstäbe. Natürlich ist Cyberpunk dafür nur eines von vielen Beispielen, aber ein genügend populäres, um an ihm diesen Missstand anzuprangern. So richtig erwachsen und cool. Und so.

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