Slowtalk Teil 2 – Ein Ruf nach Transparenz

Juni 23, 2017

In der zweiten Hälfte unseres Slowtalks widmen wir uns noch einmal konzentriert der Frage, aus welchen Gründen eine Spielmechanik denn nun als „veraltet“ bezeichnet werden könnte und ob das wirklich in jedem Fall gegen selbige sprechen muss.

Gegen Ende hin breche ich in diesem Kontext auch eine Lanze für einen heute leider vielerorts in Vergessenheit geratenen Design-Grundsatz:

Was mir bei vielen modernen Spielen grundlegend fehlt, ist die Transparenz. Sie nutzen ihre technologische Ausgereiftheit recht maß- und sorglos. Das geht auf Kosten der Klarheit der Regeln. Ich bewege einen Charakter aus zigtausend Polygonen mit ineinander fließenden Animationsphasen durch einen kontinuierlichen dreidimensionalen Raum. Ich ziele mit Schusswaffen in Ebenen aus praktisch unendlich vielen Punkten hinein und kann zu genauso vielen Zeitpunkten abdrücken. Die Bandbreite möglicher Aktionen ist alles, nur nicht diskret (wobei viele davon zuweilen kaum bis gar nicht relevant sind). Durch diese vermeintliche Freiheit verlieren meine konkreten Entscheidungen ein Stück weit an Identität. Wirklich präzise Eingaben sind praktisch unmöglich und die komplexen Berechnungen im Hintergrund ohnehin eine Blackbox. Aus „dort hin“ wird „ungefähr dort hin“. Aus „zu genau diesem Zeitpunkt“ wird „ungefähr dann“. Aus durchdachtem Vorgehen wird reine Reaktion. Statt intrinsisch motiviertem iterativem Lernen stehen die Reise durch den Content und das gefühlsmäßige Erleben im Vordergrund.

Passend dazu sei an dieser Stelle noch einmal Soren Johnsons Vortrag von der GDC 2014 empfohlen.


Slowtalk: Veraltete Spielmechanik

Juni 20, 2017

Drüben auf Spielkritik.com (das übrigens jeder, der diese Worte liest, in seinem Newsfeed haben sollte) gibt es ab sofort den ersten Teil eines neuen Slowtalks zum Thema „Veraltete Spielmechanik“ zu lesen. Sylvio Konkol führt durch die über etwa zwei Wochen hinweg entstandene Diskussion unter Beteiligung von „Frühstückszocker“ Patrick Pohsberg, Pascal Wagner von Indieflock.net sowie meiner Wenigkeit.

Zu Beginn belauern wir das Thema aus diversen Richtungen: Braucht es eine manuelle Kamerasteuerung? Ist die Ubisoft-Formel nun modern oder überholt? Erziehen Spiele uns zu Fleißarbeitern? Und was hat der Kern einer Spielerfahrung mit „fortschrittlicher Mechanik“ zu tun?


Ludomedia #38

Juni 3, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Arnold Rauers: Creating tension in Card Thief

  • „Different mechanics that feed into one core experience can create a rather strong feeling for the player, no matter how abstract they are in the end.“

Ethan Hoeppner: Plan Disruption

  • „A good pattern to follow is the spiky information flow, in which high-impact information is collected into discrete spikes that happen at regular intervals, with a slow, regular flow of information between the spikes. Carefully considering the way information is introduced, and how that impacts the player’s ability to form plans, is essential to designing a good strategy game.“

Keith Burgun: Incremental Complexity

  • „There seems to be this inherent conflict between accessibility and depth in strategy games in particular. […] The fact is that games just need to be pretty complicated to avoid being solvable. So if simplifying isn’t the answer, then what is?“

Thomas Grip: The SSM Framework of Game Design

  • „The System space is where all of the code exists and where all of the game simulations happen. […] Story, as explained in this previous post, is what gives context to the things that happen in System space. […] It is when the Story and System space are experienced together that a Mental model is formed.“

Thomas Grip: Planning – The Core Reason Why Gameplay Feels Good

  • „For too long, game design has relied on the planning component arising naturally out of ’standard‘ gameplay, but when we no longer have that we need to take extra care.“

Review: Race for the Galaxy

Juni 2, 2017

Den moderne Kartenspiel-Klassiker Race for the Galaxy gibt es jetzt auch für iOS und Android. Mein Review steht bei der AppGemeinde.


Ludomedia #37

Mai 22, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Anisa Sanusi: Dark Patterns – How Good UX Can Be Bad UX

  • „Dark Patterns are ultimately a cynical, yet working, method for developers to make quick cash. It’s a short term solution to a financial problem that yields little to no trust from your player base.“

Keith Burgun: Against score systems

  • „Thinking of your game in terms of points, and these short loops of getting points, I think lends itself to a game that repeats many short arcs. […] The inherent nature of ‚gathering points‘ is, perhaps, less suited for a strategy game than for a contest.“

Lars Doucet: What I learned playing „SteamProphet“

  • „Each week, dozens of indie games release on Steam, and the vast majority of them will make very little money. And if you don’t get that initial boost of traction, Steam’s discovery algorithms are unlikely to lift you out.“

Michael Ardizzone: Tension and Interesting Decisions

  • „Intuition can take us pretty far, since we all have plenty of experience with tough choices we’ve had to make throughout our lives, in games and out. But the structure of these choices, and how to design such choices in a controlled environment like a game, is seldom discussed in much detail.“

Sid Meier: Designer Notes 26 (Interview)

  • „There’s the whole idea of do you reward mindless clicking, or do you reward intelligent play. I think we said both [in CivWorld], and I think that upset the intelligent players.“

Narratives Gameplay: Lasst Hollywood aus dem Spiel!

Mai 9, 2017

„Spielestorys in der Krise“, proklamiert der GameStar-Podcast im Titel seiner vierten Episode. „Wo auch sonst?“, möchte man entgegnen. Schließlich weisen jene passiv-cineastisch erzählenden Spiele mit vorgefertigten Autorengeschichten, die heutzutage Action-, Rollen- und Abenteuerspiele prägen, nicht wenige inhärente Konflikte auf. Dennoch haben die Podcaster sogleich das Ergebnis einer Umfrage unter den Lesern ihres Magazins zur Hand, das die Bedeutung dieser Form der Erzählung für das Medium zu bestätigen scheint. Die dabei implizite Aussage: „Da sieht man, die Leute wollen das so!“

„If the audience knew what they needed, they would not be the audience; they would be the artists.“

(The Mindscape of Alan Moore)

Doch was, wenn wir es hier lediglich mit einem schönen Beispiel für die normative Kraft des Faktischen zu tun haben? Denn in der Tat sind Titel wie The Last of Us, Uncharted oder Mass Effect vor allem für ihre passiven Qualitäten zu bewundern, für ihr Gameplay allerdings weniger. Auch die Kampagne eines Call of Duty lässt sich kaum noch mit anderen Worten beschreiben als ein Film von Michael Bay. Will sagen: Eben weil Videospiele ein sehr junges Medium sind, dessen erfolgreichste Vertreter sich noch stark am reiferen (vermeintlichen) Brudermedium Film orientieren und zu Gunsten von Narration und audiovisuellem Bombast auf generisch-flache Spielmechanik setzen, meinen die Spieler, das hätte so schon seine Richtigkeit.

Spielephilosoph und Literaturprofessor Ian Bogost ist mit seinem kürzlich veröffentlichten Artikel jedenfalls nicht der erste, der sich in folgender Weise über diese Gattung der erzählenden Spiele äußert:

Den Rest des Beitrags lesen »


Artikel bei Zockwork Orange

Mai 3, 2017

Bei den Kollegen von Zockwork Orange erstrahlt mit „Warum spielen wir wirklich?“ seit heute ein schon etwas älterer Beitrag von mir im frischen Glanz der Wiederveröffentlichung.

Auf Twitter gab es sogleich einen sehr netten Kommentar! 🙂


Ludomedia #36

Mai 2, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Ian Bogost: Video Games Are Better Without Stories

  • „To use games to tell stories is a fine goal, I suppose, but it’s also an unambitious one. […] To dream of the Holodeck is just to dream a complicated dream of the novel. If there is a future of games, let alone a future in which they discover their potential as a defining medium of an era, it will be one in which games abandon the dream of becoming narrative media.“

Keith Burgun: Fog of War

  • „So at both far-ends of the spectrum, you run into problems. So what you want is something in between. You want randomness, but you also want the new random information coming into the game to give players time to respond to it.“

Marcus Dittmar: Über die Kunst des Verlernens

  • „Und so ist ein optisch opulenter Titel wie Horizon Zero Dawn am Ende auch nicht mehr als das spielerische Äquivalent einer Doppelhaushälfte am Rande einer idyllischen Kleinstadt, deren Bahnhofsanschluss noch eingleisig ist: Sicher, unaufgeregt und die AfD liegt in den Umfragen bei 15 Prozent.“

Jochen Gebauer: Warum sich Spiele der Kritik entziehen (ab 00:43:24)

  • „In wesentlichen Teilen lassen sich etablierte Methoden der Kritik nicht oder nur unvollständig auf Spiele anwenden. […] Spiele bedingen den rationalen Egoismus des Spielers. Im Gegensatz zu vergleichbaren Medien und Kunstformen können sie andere Ideale nur bedingt abbilden.“

Raph Koster: Game Grammar and Design (Interview)

  • „Game design growth is generally glacial. […] It’s fascinating to go back to the 80s and realize we have kept elements of something like a Centipede or a Tempest, but nothing came from Joust. […] It shows there is that exploration that can be done mechanically, but a lot of it isn’t done.“

Push the Lane auf Kickstarter

April 25, 2017

Keith Burgun sammelt Geld für ein neues Projekt auf Kickstarter: Push the Lane ist eine innovative Mischung aus Roguelike, MOBA und Puzzlespiel. Und darüber hinaus natürlich ein schönes Beispiel angewandter Game-Design-Theorie.

Definitiv anschauen! Gegebenenfalls unterstützen und/oder teilen!


Sorgenkind Spielediskurs: Alles Ansichtssache?

April 11, 2017

Divergente Meinungen zu Mass Effect: Andromeda bei Metacritic.

„Das ist halt meine Meinung!“ So oder ähnlich wird immer wieder der schützende Schild über die eigenen Aussagen und Argumente gehalten. Natürlich sind davon nicht nur Diskussionen über Spiele betroffen, sondern auch solche über alle möglichen anderen Medien. Auf den ersten Blick scheint es in Kunst und Unterhaltung zuallererst und vor allem um die persönlichen Meinungen des Publikums zu gehen. Aufgrund der Jugend der Spielezunft, die gerade erst zaghaft mit dem Gießen eines theoretischen Fundaments begonnen hat, ist der Meinungs­schutz­faktor in diesem Feld jedoch besonders hoch.

Vielerorts wird dieser Pluralismus im nächsten Schritt dann sogar gelobt: „Schön, dass es so viele verschiedene Meinungen gibt! Sonst wäre es ja langweilig!“ Das ist einerseits vollkommen in Ordnung. Im privaten Raum, wo Selbstdarstellung, persönliche Erfahrung und gefühlsmäßiges Mögen regieren, soll es ruhig beliebig verschiedene Ansichten geben. Sobald es aber ums Begründen, Verteidigen und Argumentieren geht, sich also eine ernsthafte Diskussion entwickelt, sollte vom bloßen Meinen Abstand genommen und miteinander geredet werden statt aneinander vorbei. Andernfalls braucht man sich – ob als Entwickler, Kritiker oder schlicht Spielefan – gar nicht erst zu streiten.

Den Rest des Beitrags lesen »