Design-Studie: Outwitters

Schon längere Zeit wurde mir Outwitters aus spielerisch äußerst zuverlässigen Quellen empfohlen. Nicht nur des Spielspaßes wegen, sondern auch und insbesondere, weil aus Designer-Sicht einiges vom Rundenstrategiespiel aus dem Hause One Man Left zu lernen sei. Nun habe ich es also endlich geschafft, einen genaueren Blick auf das nach außen farbenfroh wirkende, unterliegend jedoch taktisch äußerst anspruchsvolle Spiel zu werfen. Und tatsächlich handelt es sich um ein digitales Vorzeige-Design, das den Großteil der Videospiele der letzten Jahrzehnte mit Leichtigkeit in den Schatten stellt. Zudem bestätigt es, wie schon unzählige Brettspiel-Umsetzungen zuvor, erneut die von immer mehr ernsthaften Spielern und Designern vertretene These, dass iOS – und insbesondere das iPad – die beste digitale Spieleplattform unserer Zeit ist.

OutwittersBattlefield

Ungewohnt bunt: Eines der tiefgehendsten Videospiele aller Zeiten!

Was ist Outwitters?

Outwitters ist ein rundenbasiertes Strategiespiel. Zwei (bzw. im „2 gegen 2“ vier) Spieler wählen jeweils eines von vier Teams und treten auf einem zufällig aus einem Pool vorgefertigter Maps ausgewählten, in hexagonale Felder unterteilten Schlachtfeld gegeneinander an. Ziel des Spiels ist es, die gegnerische Basis zu zerstören, d.h. deren 5 Trefferpunkte auf 0 zu reduzieren. Das Terrain weist dabei einige wenige Besonderheiten auf, z.B. undurchsichtige Mauern oder unüberquerbare Löcher und natürlich die spielereigenen Spawn-Felder, auf denen neue Einheiten erschaffen werden können.

Jedes Team hat dabei Zugriff auf eine Handvoll Grundeinheiten: die schnellen (aber schwachen) „Runner“, die durchschnittlichen „Soldiers“, die unterstützenden „Medics“, die fernkämpfenden „Snipers“ sowie die langsamen (aber starken) „Heavies“. Jede Einheit hat einige festgelegte Werte: Lebenspunkte, Angriffsstärke, Bewegungsradius (die zugleich die den „Nebel des Krieges“ zurückdrängende Sichtweite bestimmt). Der einzige Unterschied zwischen den Teams besteht jedoch in einem Spezialeinheiten-Typ, denn pro Team kann nur auf einen dieser zurückgegriffen werden: Die Flächenschaden verursachenden „Bombshells“, die Dornen beschwörenden „Bramblers“, die Einheiten teleportierenden „Mobis“ und die Feinde bekehrenden „Scramblers“.

Zentral ist durchweg die einzige Ressource im Spiel: „Wits“. Jede Runde erhalten die Spieler eine festgelegte Anzahl dieser Punkte. Hinzu kommen möglicherweise Bonus-Wits durch das Halten der mit Fragezeichen markierten Felder auf der Karte. Zudem wird auch jede besiegte feindliche Einheit mit einem Punkt belohnt. Wits werden für jegliche Aktion benötigt: Zum Erschaffen neuer Einheiten, zum Bewegen von existierenden Einheiten und auch zum Angreifen. Und natürlich können sie gegebenenfalls auch für zukünftige Runden aufgespart werden.

OutwittersEpic

Für Outwitters-Maßstäbe eine wahrhaft epische Schlacht!

Design-Aspekte im Detail

Eleganz: Outwitters ist – insbesondere im Vergleich mit anderen reinen Videospielen, die häufig blind dem Content-Wahn verfallen sind – sehr simpel. Es gibt nur eine Handvoll Einheiten-Typen und Spezialfähigkeiten (d.h. kaum Sonderregeln). Die Einheiten haben zudem glasklar definierte und sehr leicht überschaubare „Stats“. Obskure Gefechtsberechnungen oder Prozentsätze werden vergebens gesucht. Alles basiert auf einfachster Addition bzw. Subtraktion. Auch die Maps sind klein (auf dem iPad wird nicht einmal gescrollt) und klar strukturiert. Und mehr braucht das Spiel auch nicht. Jegliche weitere Komplexität – und diese ist wahrlich enorm – ist emergenter Natur. D.h. sie entsteht allein aus dem wohlüberlegten Zusammenwirken der an sich völlig intuitiven Elemente. „Easy to learn, hard to master“. Oder anders gesagt: Hohe Game-Design-Kunst!

Entscheidungen: Outwitters läuft vollkommen deterministisch ab. Es gibt keine Zufallsfaktoren, die die Wichtigkeit der Spielerentscheidungen für den Ausgang einer Partie mindern könnten. Zudem spielt die Geschicklichkeit, die physische Ausführung der Befehle – der Natur der Rundenstrategie entsprechend – ebenfalls keine Rolle. In Verknüpfung mit den einfach zu verstehenden und klar definierten Regeln bedeutet dies, dass die Wichtigkeit der Entscheidungen nicht nur in keinem Aspekt gemindert, sondern gar maximiert wird. Beim Ansehen eines Replays einer Partie kann jeder Zug vollständig nachvollzogen werden. Der Spieler-Input wird absolut unverfälscht in System-Output umgemünzt.
Die einzige „versteckte Information“ stellt der „Nebel des Krieges“ dar, der jedoch seinerseits eng mit den getroffenen Entscheidungen verknüpft ist. Schließlich liegt es in den Händen der Spieler, möglichst große Teile des Schlachtfeldes im Sichtbereich ihrer Einheiten – zumeist der beweglichen und weitsichtigen „Runner“ – zu behalten (oder eben nicht, wenn eine gänzlich andere Strategie versucht werden soll).

Kreativität: Outwitters forciert den Einsatz kreativer Vorgehensweisen. Die deterministische Natur des Spiels macht es notwendig, stets mit ungewöhnlichen oder unerwarteten Taktik-Kombinationen aufzuwarten. Einerseits gilt es, keine Fehler zu machen. Andererseits wird der Gegner idealerweise zu solchen gezwungen bzw. in perfide geplante Fallen gelockt. Auch wenn das Spiel dadurch auf (extrem) hohem Niveau um einiges defensiver gespielt wird, so sind es doch diese Momente, die über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Effizienz: Outwitters verschwendet keine Sekunde Spielerzeit. Jede einzelne Entscheidung ist interessant und wichtig. Jede einzelne Runde ist bedeutsam im Kontext der gesamten Partie. Zudem laufen jegliche der (ohnehin spärlichen) Animationen asynchron zur Spielereingabe ab, d.h. es wird so schnell gespielt wie gewünscht. Reine Wartezeiten gibt es nicht. Auch dies stellt beinahe einen Gegenentwurf zur heutigen Videospiele-Landschaft dar, in der die Zeit der Spieler immer seltener als wertvolles Gut angesehen und respektiert, sondern gerne mal ausgiebig verschwendet wird.

Fokussierung: Outwitters ist brillanterweise auf das Nötigste reduziert. Und damit nicht genug: Jedes der wohlbedacht hinzugefügten Spielelemente ist eng mit einem einzigen zentralen Aspekt verknüpft: Wits. Jede Entscheidung dreht sich um diese einzige Ressource und deren Balance zwischen den verschiedenen Aufgabenbereichen (Produktion, Positionierung, Angriff). In dieser herzerfrischenden Konsequenz ist dies der Kern eines im digitalen Bereich ungekannt innovativen und ästhetischen Designs.

OutwittersGametypes

Mögliche Einschränkungen: iOS, Multiplayer, Farbenreichtum!

Abstriche?

Qualitative Einschränkungen lassen sich bei Outwitters nur aus oberflächlicher Sicht finden. Das Spiel ist einzig und allein im iOS App Store erhältlich (spielt sich dank des eleganten Designs aber auch auf kleinen Bildschirmen hervorragend).

Darüber hinaus handelt es sich um ein reines Multiplayer-Spiel. Zwar werden Spieler in ihren ersten Duellen von einigen Tutorial-Nachrichten (die dank der simplen Regeln im Grunde auch ausreichen) begleitet, eine KI zum Üben gibt es jedoch nicht. Es ist also etwas Mut zum Einstieg gefordert, da es sofort gegen menschliche Gegner zur Sache geht. Allerdings hilft an dieser Stelle das hervorragende Ligen- und Matchmaking-System des Spiels. Nach fünf „Placement-Matches“ zu Beginn der Outwitters-Laufbahn wird der Neuspieler in eine von fünf Ligen (und in dieser in eine Division bestehend aus ungefähr 100 Spielern) eingeteilt. Die künftigen Gegner werden dann dem jeweiligen Niveau entsprechend zugelost. Binnen Sekunden lässt sich so zu jeder Tageszeit ein neues Spiel starten. Übrigens laufen die Partien stets asynchron ab, d.h. der jeweilige Zug wird an den Server gesendet und wann immer der Gegner sich ihn abholt, sendet er wiederum seinen Antwort-Zug zurück. Das hat zur Folge, dass es schonmal mehrere Tage dauern kann, bis der Ausgang feststeht. Glücklicherweise lassen sich jedoch problemlos mehrere Partien gleichzeitig starten (und als Belohnung für den Kauf der Zusatzteams wird das Limit nochmals erhöht). So steht bei Bedarf praktisch ständig eine auf den eigenen Zug wartende Partie zur Verfügung. Zudem ist das Spiel perfekt auf den asynchronen Ablauf zugeschnitten: Ein Zug allein ist durch die Möglichkeiten (und zugleich Einschränkungen) der Wits-Verteilung gehaltvoll genug, um einige Minuten zu beschäftigen, ohne dass je das Gefühl des Nicht-Forschritts entsteht.

Wie an den Screenshots zu sehen ist, handelt es sich bei Outwitters um ein sehr farbenfrohes Spiel und der Grafikstil ist sicher nicht jedermanns Sache. Allerdings dürfte sie dem durchschnittlichen „Casual-Spieler“ durchaus zusagen (für diese gibt es übrigens die „Fluffy League“, in der sie auf gleichgesinnte Gegner treffen, solange sie sich nicht entscheiden, ernsthafter spielen und aufsteigen zu wollen). Und im Kopf ernsthafter Strategen wird das Spiel nach wenigen Partien ohnehin in eine abstrakte Form heruntergebrochen, sodass Grafik und thematische Ausrichtung keinerlei Rolle mehr spielen.

Fazit

Ein Hinweis am Rande: Outwitters ist kostenlos!

Allerdings handelt es sich natürlich nicht um den üblichen „Free-To-Play“-Quatsch. Direkt nach dem Download lässt sich eines der vier Teams völlig uneingeschränkt spielen. Wer Zugriff auf die anderen drei Teams oder das ein oder andere rein grafische „Goodie“ möchte, muss ein paar Euro bezahlen. Tragischerweise ist dieser Ansatz des „kostenlosen Premium-Spiels“ mehr oder weniger gescheitert. Zwar wurde das Spiel von Kritikern und Genre-Kennern mit Lob überschüttet, war finanziell jedoch kein Erfolg. Dennoch werden die Server weiterlaufen, solange es genügend treue Spieler gibt. Glücklicherweise ist in dieser Hinsicht noch längst kein Ende in Sicht.

In diesem Sinne: Alle Besitzer eines iOS-Gerätes sollten das Spiel schleunigst herunterladen und ausprobieren. Wer den Entwicklern und der Videospielindustrie im Allgemeinen darüber hinaus einen Gefallen tun möchte, sollte auch ein paar Euro investieren und zumindest die – meiner Meinung nach hochinteressanten – zusätzlichen Teams erwerben. Es kann ja nicht schaden, eines der besten digitalen Spiele aller Zeiten zu unterstützen!

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