Vom Grafikwahn und seinen Folgen

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Die zurzeit immer wieder aufflammende Debatte um „1080p oder nicht“ ist eine reichlich absurde Angelegenheit. Ein kleiner Blick auf die Logik hinter den Argumenten, die Führungskräfte der Spieleindustrie – im verlinkten Artikel vertreten von Ubisofts Alex Hutchinson – immer wieder vortragen, lohnt sich dennoch. Denn aus ihr lässt sich leicht ableiten, dass der Zustand der Industrie sich mittlerweile nur noch als hoffnungsloser Wahnsinn charakterisieren lässt und darüber hinaus einen blanken Hohn auf die AAA-Käufergemeinde darstellt.

Die Ereignisabfolge, die zu Artikeln wie dem verlinkten und zu den in diesem getroffenen Aussagen führt, ist etwa die folgende:

  1. Große Spieleentwickler produzieren massiv auf beeindruckende Grafik ausgelegte Videospiele. Diese zielen ganz klar – ohne dass dies an dieser Stelle als Kritik gemeint sein soll – auf die Befriedigung oberflächlicher, aber dafür relativ leicht und verlässlich zu bedienender Bedürfnisse nach visuellem Spektakel ab.
  2. Diese „Grafikwunder“ müssen, um ihren Status als solche beizubehalten, immer bombastischer werden. Dies geht mittlerweile so weit, dass die aktuellsten Titel nicht einmal auf den Konsolen der aktuellen Generation mit der maximal möglichen Auflösung laufen.
  3. Die Kunden reagieren dementsprechend mit Beschwerden: „Warum unterstützt ihr denn nicht 1080p?“
  4. Die Antwort Hutchinsons aus der verlinkten News: Es ginge doch eigentlich gar nicht um die Auflösung, sondern darum, ob es sich um ein spaßiges, interessantes und neuartiges Spielerlebnis handelt.

Diese Härte muss das mitdenkende Individuum jetzt erstmal verdauen. Da werden also Produkte hergestellt, die abgesehen von (audio-)visuellem Spektakel ziemlich wenig zu bieten haben. Das kapieren auch die Konsumenten, weshalb sie dementsprechend einfordern, dass die grafischen Aspekte dann auch optimal von diesem Produkt bedient werden sollten. Nun stellt sich der Hersteller ernsthaft hin und behauptet, es habe sich doch bei der Grafik von vornherein nie um einen primären Wertfaktor seines Produkts gehandelt. An dieser Stelle gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder spricht er die Wahrheit und gibt damit zu, seinen Produktionszweck seit Jahren um Längen zu verfehlen, ohne daraus auch nur ansatzweise zu lernen – völlige Inkompetenz also, ganz nach dem Motto: „Wir wollen uns ja wirklich ums Gameplay kümmern, aber versehentlich geben wir dann immer wieder zig Millionen für grafische Assets aus.“ Oder er sagt eben nicht die Wahrheit und offenbart sich damit als zur Lüge gezwungenes Opfer eines horrenden Zustands der AAA-Spieleindustrie, der vernünftigerweise nur noch in einem totalen Kollaps gipfeln kann. Sehr viel wahrscheinlicher und mit der deutlich positiveren Konsequenz gesegnet ist der letztere Fall.

Die spöttische Krone wird dem Ganzen aber aufgesetzt, indem Hutchinson sich dann auch noch ernsthaft über die Intelligenz seiner Kunden und die daraus folgende Erkenntnis über den jeweiligen Sinn eines spezifischen Produkts beschwert und wörtlich von sich gibt: „Es erscheint mir seltsam, dass Leute ohne Weiteres zu Retro-Pixelspielen greifen und die Auflösung trotzdem irgendeine Rolle spielen soll.“ 

Wie wäre es denn dann, vielleicht mal ein Spiel zu entwickeln, dem der absolute Grafikwahn nicht schon immanent ist? Ein Spiel, das wirklich „spaßig, interessant und neuartig“ ist? Eine verrückte Idee, schon klar.

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2 Responses to Vom Grafikwahn und seinen Folgen

  1. Youkichirou sagt:

    Verrückt! Ein Spiel zu entwickeln, dass vom Gameplay überzeugt?! Aber da müssten wir ja Leute haben, die darüber nachdenken! Und dann auch noch andere Leute, die das verstehen und unseren trainierten Zombies – äh – Kunden verkaufen kann!

    Erinnert mich an die Reviews zu Civ Beyond Earth (Okay, für dich vielleicht nicht das beste Beispiel, aber es zeigt die Problematik doch sehr schön.). Ist jetzt nicht wörtlich, aber so im ungefähren von der Semantik: „Also 40 Euro ist das Spiel nicht wert. Es sieht aus wie Civ 5, kein Wunder, der Entwickler hat einfach die gleiche Grafikengine genutzt. Es spielt sich dadurch wie ein DLC. Es lohnt sich aber trotzdem, denn was man machen kann, ist gänzlich anders. lediglich die Diplomatie wurde komplett übernommen. Man kann also seinen Spaß haben. Aber eben nicht für 40 Euro.“

    Jetzt kann man natürlich argumentieren, dass besagte Person recht habe, weil der Gameplayfaktor bei Civ nie wirklich neu überdacht wurde, sondern immer nur Kleinigkeiten verändert wurden und damit man theoretisch ja auch bei älteren Ablegern bleiben könne. Aber tatsächlich ist es ja so, dass sich besagter Spieler deswegen ärgert, weil ihm das Spiel nicht genug Next Gen aussieht. Anstatt mal ein wenig mehr über das Gameplay zu sagen als „Es spielt sich anders“. Es gibt zwar natürlich auch Leute, denen die Grafik egal ist, aber man sieht halt auch immer wieder solche Kommentare. Und das sind dann wohl auch leider die, die obige AAA Titel in den Grafikwahn treiben wollen. Gameplay erwarten sie ja dann wohl nicht mehr.

    Eine letzte Sache noch: Bei manchen Titeln ist Gameplay ja auch wirklich nicht mehr optimierbar. Daher gehen Genres wie Rennspiele oder bestimmte andere Simulatoren seit Jahren nur noch auf Grafik und eventuell auch Physik. Aber hier ist es wohl gerechtfertigt, wenn man bedenkt, dass man ja nicht unbedingt viel mehr reinbringen kann. Man könnte höchstens noch über Content reden. (Also mehr Quantität an Assets statt Qualität der Grafik)

    • Nachtfischer sagt:

      Ja, das ist wirklich lustig. Es ist überhaupt ziemlich verquer, wie die (finanzielle) Wertigkeit von Spielen als Produkte beurteilt wird. Da wird sich eben auf die oberflächlich sichtbaren und für jeden leicht verständlichen Dinge gestürzt. Es hat so gut wie niemand (auch unter den Journalisten) irgendeine Ahnung von Gameplay oder davon wie schwer es eigentlich ist, ein interessantes Spielsystem zu erschaffen. Aber statt auch nur zu versuchen, das zu verstehen, werden sich eben andere Fragen gestellt: „Moment, das hat mehr Polygone?! Mehr Quadratkilometer Spielwelt? Mehr HD? Also wird’s schon sein Geld wert sein!“ Mobile-Games hingegen sind grundsätzlich nicht mehr als 2-3 Euro wert, selbst wenn da Jahre am Gameplay geschraubt wurde (das gleiche gilt weniger extrem auch für jegliche 2D-Indiespiele). Das wird einfach nicht gewürdigt.

      Jedenfalls noch nicht. Ich bin andererseits ja überzeugt davon, dass das nicht ewig so weiter gehen kann und die Konsumenten auch mit der Zeit zwangsläufig dahinter kommen, was interaktive Unterhaltung eigentlich ausmacht. Vielleicht merkt man es schon heute an den durchschnittlichen User-Wertungen auf Metacritic (http://www.polygon.com/2014/10/28/7083373/look-at-this-chart-of-average-metacritic-scores-what-happened-in-2007)? Naja, hoffentlich!

      Zum letzten Absatz: Naja, wenn dein Ziel eine Simulation ist, dann bist du mit einer mehr oder minder perfekten Kopie eben am Ende der Fahnenstange angelangt. Das gilt aber vor allem für Rennspiele, die so sein wollen, wie Autorennen auch in der Realität wären. Darüber hinaus ist, denke ich, noch sehr viel möglich. Gerade „Sportspiele“ beschränken sich ja oft bloß aufs Nachmachen dessen, was real schon vorhanden ist und bringen kaum mal innovative Ideen ein.

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