Review-Review: The Evil Within (Gamespot)

Vorsicht, dieser Beitrag kann Spuren von Sarkasmus enthalten!

Genau wie ein Großteil der kreativen Köpfe des Mediums befindet sich auch die Videospielepresse in einem anhaltenden Zustand der Verwirrung bezüglich Identität und Einordnung des Mediums. Zur Veranschaulichung der Problematik wird im Folgenden die Video-Rezension von Gamespot zu The Evil Within einer Analyse unterzogen.

Nach dem eröffnenden Kurzfazit (ja, das ist dieser Tage durchaus üblich), das wenig mehr sagt als: „Es ist ein Horror-Spiel! Ja, die Handlung ist unfassbar schlecht, aber Spaß macht’s!“, kommen wir auch schon zum Hauptteil des Reviews.

Der erste Abschnitt beschäftigt sich – wie könnte es in einer Spiele-Rezension auch anders sein – mit der Story. Und, oh Wunder, sie taugt absolut gar nichts. Der Hauptcharakter ist ein wandelndes Klischee. Die Handlung wird als dämlich, sinnlos und inkohärent beschrieben. Irgendwie schafft es der Sprecher, das Ganze so klingen zu lassen, als sei dies bei Videospielen nicht ohnehin die Regel.

Wie auch immer, nun erreichen wir den ersten Wendepunkt im Review. Zitat: „Der Welt fehlt es also an Kontext, aber nicht an Wirkung!“ Oh, wirklich? Wie kommt’s? Das Review stellt die Behauptung auf, dies liege an „Licht und Schatten“, an vielen kleinen „Klangverzierungen“ und den düsteren Umgebungen, wie einem Krankenhaus oder einem „gruseligen Schloss“, die durchwandert werden müssen. Eigentlich geht es hier also rein um audiovisuelle Komponenten. Das Spiel schaut also nett aus und auch die Soundkulisse ist gut gemacht.

Doch als hätte der Sprecher die natürliche Reaktion eines denkenden Menschen – nämlich: „Okay, ja, aber was ist mit dem Spiel?“ – schon vorausgesehen, fährt er schleunigst fort: „Es gibt natürlich noch mehr als beängstigende Bilder und Klänge!“ Zurufen möchte man ihm: Ja, genau, bitte erzähl mit mehr davon! Doch die Hoffnungen auf erste Informationen darüber, warum dieses Produkt zur Gattung der interaktiven Unterhaltung gehören soll, versiegen ungehört. Stattdessen erfahren wir, dass es auch „groteske Kreaturen“ zu sehen gibt. Die fallen – aus welchem Grund auch immer –  offenbar nicht in die Kategorie „beängstigender Anblick“. Es kommen also „vage menschliche“ und später auch „noch gemeinere und herausfordernde“ Monster im Spiel vor. Moment, noch herausfordernder als das bisher überhaupt nicht beschriebene Gameplay? Wahnsinn! Ein Hinweis am Rande: Es wäre vielleicht angebracht, zu beschreiben, warum etwas herausfordernd ist. Bisher weiß der Zuschauer nicht einmal, ob es überhaupt irgendein, geschweige denn forderndes, Gameplay gibt. Die Hälfte des Videos ist übrigens schon rum.

Also nächstes erfahren wir, dass der typische Evil-Within-Spieler offenbar sehr viele Tode stirbt: „Die kleinste Konzentrationsschwäche kann aus dir einen Brei aus Innereien auf dem Boden machen!“ Dies teilt uns der Sprecher mit, während das dazugehörige Video uns zeigt, wie der Hauptcharakter stirbt, weil die wie immer horrende Third-Person-Kameraperspektive es offenbar unmöglich macht, dorthin zu sehen, wo er hinläuft. An diesem Punkt müssen wir also – mangels Informationen über irgendetwas anderes – davon ausgehen, dass die erforderliche „Konzentration“ sich schlicht auf die kontinuierliche Nachjustierung der Kamera bezieht.

Aber noch ist nicht alles verloren! Endlich wird uns mitgeteilt, dass wir es mit einem „an Entscheidungen reichen“ Gameplay zu tun hätten. Wir müssten beispielsweise entscheiden, ob wir einem Feind ins Bein schießen und ihn im Anschluss am Boden verbrennen oder doch gleich den „risikoreichen“, aber ressourcenschonenden Kopfschuss versuchen. Traurigerweise wird in der Rezension nicht näher darauf eingegangen, worin das hochgehaltene „Risiko“ beim offenbar stets optimalen „Headshot“ eigentlich bestehen soll. Wenn wir in Wahrheit nichts zu verlieren haben, wie sollte das Spiel dann „Kreativität und Einfallsreichtum“, wie es der Sprecher behauptet, erfordern? Vielmehr scheint doch das Gegenteil der Fall zu sein, wenn repetitives Trial-and-Error-Vorgehen bis der Kopfschuss letztlich gelingt die bestmögliche Lösung jedes Problems darstellt.

Um aber schnellstmöglich von diesen seltsamen 20 Sekunden, die sich mit dem eigentlichen Gameplay beschäftigten, Abstand zu nehmen (denn wer sollte in einer Spiele-Rezension schon mehr darüber erfahren wollen?), bekommen wir nun zu hören, dass sich die Kämpfe offenbar auch noch „gut anfühlen“. Die Waffen seien „wirkungsvoll“ (da haben wir sie wieder, die „Wirkung“) und Kopfschüsse „angemessen grausam“, weshalb „alles einfach funktioniert“. Na dann ist ja alles klar, oder?

Im Rahmen einiger abschließender Bemerkungen erfahren wir zudem, dass das Spiel automatisch speichert. Aha, dann gibt es also wirklich keinerlei spielerisches Risiko, sich an der exklusiven Headshot-Orgie zu versuchen. Scheinbar werden die Speicherpunkte jedoch hin und wieder „lange zurückgehalten“. Da haben wir es! Das Risiko beim Spielen dieses Titels besteht darin, dass der Spieler aus Versehen seine Zeit verschwenden könnte! Am Rande wird zudem noch erwähnt, dass es einige enorm lineare Puzzle-Bosskämpfe gibt, die wirklich furchtbar sind – womit sie 99% aller Bosskämpfe, die es in Videospielen jemals gab, entsprechen.

Vernünftigerweise kann die Empfehlung an dieser Stelle nur heißen, sich von diesem Produkt fernzuhalten. Der Spielepresse-Kenner kann es sich schon denken, dem ist mitnichten so! All die genannten Probleme seien nämlich lediglich „ein paar ungeschickte Fehltritte in einem ansonsten fesselnden Spiel“. Angesichts aller Informationen, die uns die Rezension hat zukommen lassen, lässt sich daraus letztlich nur ein Schluss ziehen: Ein mit 7/10 Punkten als „gut“ ausgezeichnetes Spiel ist heutzutage nichts anderes als eine gut gemachte audiovisuelle Szenerie.

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3 Responses to Review-Review: The Evil Within (Gamespot)

  1. Youkichirou sagt:

    Es ist leider auch so, dass die meisten Leute überhaupt nicht mehr auf das Wort „Spiel“ achten. Sie sehen einfach alles als „Spiel“ an, was sie unterhält. Nach der Logik zu urteilen, sind Filme ergo auch Spiele. Oder Hörbücher! Gelegentlich werden diese ja auch als „Hörspiele“ bezeichnet (auch wenn das „Spiel“ hier im Sinne von der Aufführung kommt, aber hey, Kontext ist ja anscheinend nicht so wichtig, nicht?). Ich diskutiere auch öfter darüber, welche Spiele überhaupt das Recht haben, sich als solche tatsächlich zu bezeichnen, aber da beiße ich leider fast immer auf Granit. Die meisten Leute wollen über so etwas nicht nachdenken. Das ist übrigens nicht nur bei Spielen so, Filme erleiden ähnliche Probleme. (Dazu sag ich nur: Der Film ist schlecht, weil er nicht wie das Buch war. Alles klar.)

    Und zu dem Spiel selbst: Ich habe mir den Spaß gemacht, es selbst mal zu „spielen“. Einfach weil ich mal wieder Lust auf Horror hatte. Eines der Hauptprobleme (abgesehen von den genannten) ist, dass das „Spiel“ sich am Anfang als Stealth Action ausgibt. Du schleichst herum, tötest die Zombies von hinten. Versteckst dich in Schränken usw. Alles sehr nett, ich mag so etwas ja eigentlich auch. Zumal man dadurch auch keine der wertvollen Munition verbraucht. (Oder der Streichhölzer. Man kann am Anfang nur 5 tragen. Und wie Gronkh dazu so schön anmerkte: „Wenn ich Streichhölzer mitnehme, kaufe ich doch ne 50er Packung vom ALDI.“ Daran sieht man mal wieder, wie undurchdacht der Quatsch ist.) Jedenfalls klappt das alles ganz gut, aber auf einmal wird man dann einfach regelrecht in Situationen reingeschubst (wörtlich), wo 20-30 dieser Zombiewesen einen umzingeln und man auf einmal sich wie in einen schlechten Third Person Shooter fühlt (die Steuerung ist echt grausam, genaues Ziel ist meines Erachtens nach praktisch unmöglich, vor allem mit dieser grausamen Kamera und dem viel zu übertriebenen Letterbox Effekt.). Wozu habe ich vorher dann eigentlich das schleichen geübt? Wenn das Spiel dann eh nur noch in diese Richtung geht, hätte ich es auch sein lassen können.

    Entscheidungen? I call bullshit.

    • Nachtfischer sagt:

      Haha, das klingt ja noch furchtbarer als es im Review rüberkommt. Typisch modernes „Charakter-Actionspiel“ (wie TotalBiscuit sagen würde) ohne Sinn und Verstand. Wobei von Stealth-Anleihen im Video ja nun gar keine Rede war… die waren wohl noch zu gebannt von den „creepy environments“?

      Naja, aber mal abgesehen vom Wort „Spiel“, also selbst wenn ich das einfach als „interaktives Unterhaltungssystem“ definiere und da wirklich alles zulasse, was es so als „Videospiel“ in den Laden schafft, dann ändert das auch nicht viel an der inneren Unlogik des Reviews. Wenn das spannende Risiko bei irgendwelchen Entscheidungen gelobt wird, das direkt im Anschluss als Nicht-Risiko entlarvt wird, dann nutzt auch jede noch so vertrackte Umdeutung des Spielbegriffs nichts mehr. Das ist einfach Mist, für den die selbsternannten „Experten“ dann auch noch bezahlt werden.

  2. Samuel sagt:

    Zero Punctuation über Evil Within ist jetzt draussen, und es ist ein Verriss sondergleichen.

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