Spiele und Kunst

Cover

Weltweit spukt zurzeit ein Gespenst durch die Spielerschaften. Das Gespenst von Spielen, Kunst und deren Beziehung zueinander. Ins Leben gerufen – oder vielmehr wiederbelebt – wurde dieses Ungetüm von Phil Owens Buch „WTF Is Wrong With Video Games?“. Die Aufmerksamkeit der Community erlangte dieses wiederum durch einen „Artikel“ auf Polygon, der sich bei genauerem Hinsehen schlicht als das erste Kapitel besagten Buches und somit Werbemaßnahme entpuppt. Hunderte Kommentare unter dem Beitrag und Diskussionen quer durch alle einschlägigen Foren blieben natürlich dennoch nicht aus.

Kritische Töne

Das Besondere an Owens Ausführungen ist der kritische Grundton, der stolze selbsternannte „Gamer“ ohne Umschweife auf die Palme bringt. Schließlich werden Videospiele insgesamt als kindisch, bedeutungslos und Nicht-Kunst dargestellt – insbesondere im Vergleich zu Filmen. Das ist erstmal keine völlig aus der Luft gegriffene Sichtweise. Statt daraufhin aber die Gründe in der relativen Jugend der Profession Game-Design zu suchen, geht Owen einen anderen Weg. Er sieht in jedem als „Videospiel“ bezeichneten Produkt eine klare Trennung zwischen Gameplay und Kunst.

Das zu dieser These als Beleg angeführte Beispiel des ersten Kapitels ist The Last of Us. Laut eigener Aussage mochte Owen „die Kunst“ im Spiel, sprich die Charaktere, die Handlung, das Artwork. Doch dann gab es da noch diese grässlich herausfordernden interaktiven Elemente – und die störten ihn gewaltig. Schließlich hielten die ihn lediglich davon ab, an „die Kunst“ heranzukommen. An dieser Stelle muss der geneigte Spielefan spätestens stutzig werden. Hat der gute Herr Owen denn verstanden, mit welchem Medium er es zu tun hat?

LastOfUs

Kunst? Oder doch „bloß ein Hindernisparcours“? Gar beides?

Fragwürdige Prämissen

Ein Blick in das Vorwort des Buches gibt Aufschluss:

I only ever wanted one thing from video games: for the act of playing them to be a good experience, and meaningful in a way that is reminiscent of other forms of art that I enjoy.

Hier stoßen wir also auf die Wurzel des Unsinns. Owen glaubt nicht an ein eigenständiges Medium Spiel, das für eine in der medialen Welt einzigartige Art von Erfahrung steht. Im Klartext – und dies wird unterstützt durch den Abschnitt zu The Last of Us – hätte er gerne, dass seine Spiele grundsätzlich so sind wie Filme und ihn dabei möglichst wenig mit zwangsläufig bedeutungslosen interaktiven Herausforderungen („bloßen Hindernisparcours“) nerven.

Bedeutungslos ist dieser Aspekt jedoch wirklich nur dann, wenn vom Produkt in erster Linie eine audiovisuelle Geschichtenerzählung erwartet wird. Hier stößt Owen – wissentlich oder nicht – auf den immerwährenden Konflikt aus Storytelling und Gameplay und macht mit seiner „Lösung“ desselben deutlich, dass er schlicht nicht auf Spiele steht (womit er als moderner „Gamer“ nicht allein ist). Die Antwort auf die im Titel seines Werks gestellte Frage lautet also: „An Videospielen ist falsch, dass es Spiele sind, wo ich Spiele doch gar nicht mag“.

Diverse Antworten

Fraglich bleibt, ob diese Erkenntnis unbedingt mit dem World Wide Web geteilt werden musste. Ähnliches gilt übrigens für ein stellvertretend für viele Reaktionen stehendes, nur wenig später erschienenes Review des Buches, welches gänzlich anders ausgerichtet und doch ebenso hanebüchen daherkommt. John „TotalBiscuit“ Bain wiederum nahm die Diskussion zum Anlass für einen gut viertelstündigen Monolog, der innerhalb weniger Minuten bereits mehr Sinnhaftigkeit entfaltet als Buch und Review zusammen, jedoch in vielen Momenten leider ein schmerzhaftes „Knapp vorbei ist auch daneben!“ heraufbeschwört.

Kommen wir zum Abschluss aber noch einmal zur offenbar alles entscheidenden Frage: Sind Spiele Kunst? Die Antwort kann nur lauten: Wurscht! Spiele stehen in unserem täglichen Medienkonsum in einer Reihe mit Musik, Filmen, Büchern, YouTube-Videos und all den weiteren schönen Dingen, die um unsere Aufmerksamkeit ringen. Nennen wir sie der Einfachheit halber – und völlig wertungsfrei – Kunstformen. Sie alle haben ihre eigenen Vorzüge und können jeweils auf unterschiedliche Weisen unsere Leben bereichern. Der Weg nach vorn für das Medium Spiel liegt nun darin, die einzigartige Natur seiner Produkte als mechanische Systeme zu akzeptieren und als Stärke zu begreifen.

Denn so gerne Phil Owen es hätte, Spiele funktionieren nicht „so ähnlich“ wie andere Medien. Gameplay trifft keine tiefgründigen Aussagen über Liebe oder Freundschaft. Es muss auch keine dystopische Zukunft zeichnen, um neben anderen Kunstformen zu bestehen. Die Bedeutsamkeit und Schönheit eines Spiels liegt darin, den Spieler selbst zum Künstler zu machen und es ihm dabei zugleich zu ermöglichen, einen Blick auf das Innenleben seines Verstandes zu werfen. Spiele ermöglichen uns die Sichtbarmachung und das Miterleben von Kreativitäts- und Lernprozessen im komplexesten Bauteil des menschlichen Organismus. Bedeutungslos? Eher nicht.

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