Die Idee sehen

In einer seiner jüngeren Kolumnen stellt Wolfang Walk fest, dass „fast jede wichtigere auch wirtschaftlich erfolgreiche und nicht technische Innovation der letzten Jahre“ aus dem Indie-Bereich stammt.

Verwundern wird das niemanden ernsthaft. Angesichts wahnwitziger Budgets kommen neuartige Konzepte, und damit Risiko, für AAA-Entwickler in der Regel gar nicht erst in Frage.

Tragisch ist das besonders aufgrund des rapiden Wachstums der Spieleindustrie in den vergangenen Jahrzehnten. Diejenigen, die mehr als genug finanzielle Mittel hätten, das Medium künstlerisch in rasantem Tempo voranzutreiben, halten lieber die Füße still. Statt den Weg in Richtung „Leitmedium“ endlich auch inhaltlich – und nicht bloß auf dem Unterhaltungsmarkt – zu beschreiten, wird auf Nummer sicher gegangen und der zigste Aufguss etablierter Marken produziert.

Gerechtfertigt wird dieses Vorgehen in weiten Teilen durch die Rezeption von Publikum und Presse. In vielen Fällen mangelt es schlicht am Willen beziehungsweise der Fähigkeit, die Idee hinter einem innovativen Titel zu sehen.

„Learning to fly…“: Indie-Entwicklung anno 1894.

Stattdessen wird zunächst die krude Präsentation bemängelt, gefolgt von der suboptimalen Steuerung, der hohen Einstiegshürde oder dem spartanischen Optionsmenü. Faktoren, die sich unmittelbar an der Oberfläche wahrnehmen lassen, übertrumpfen regelmäßig ein als solches möglicherweise brillantes Konzept – und sind natürlich auch viel leichter zu vermitteln.

Doch selbst die vermeintlichen „Experten“ dringen oftmals nicht bis zum Kern der Interaktion durch. Industrie-Veteran Walk dazu: „Und wer je versucht hat, einem 23-jährigen Spielejournalisten die Schönheiten einer zwar innovativen, aber eventuell etwas komplexen neuen Mechanik zu erläutern, der weiß, wie hoch die Chancen da stehen.“

Wir bauen auf  Sand und das geht nicht ewig gut. Deshalb sollten wir alle, vom Entwickler über den Kritiker bis hin zum Spieler, kontinuierlich an unserer Fähigkeit arbeiten, hinter die Fassade zu schauen. Der spektakuläre Anblick eines Jumbo-Jets darf uns nicht derart blenden, dass es uns egal ist, ob die Maschine denn überhaupt ein funktionales Innenleben besitzt.

Wollen wir das Medium voranbringen, müssen wir anfangen, es als Kunstform und Geisteswissenschaft zu betrachten, statt bloß als Zeitvertreib, als Spaß für zwischendurch, als Machtfantasien in Fließbandproduktion. Es gilt, den Nährboden für eine gesunde Zukunft eines potenziellen Leitmediums zu schaffen – besser früher als später.

Remember Otto Lilienthal.

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