Ludomedia #34

März 22, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Ethan Hoeppner: Turn Based Strategy Games Need Turn Timers

  • „The fun strategy and the strategically optimal strategy should be one and the same, but if you give the player infinite time to calculate, they aren’t. You force the player to choose which strategy they will go with: the fun strategy of using analysis, or the boring-but-optimal strategy of using calculation.“

Keith Burgun: Solvability In Games

  • „For any given system, there is some middle point of solvability where you have an ideal amount of depth—enough depth to keep a game playable and interesting for as long as possible (which hopefully, could be years), but not so much that it feels unlearnable.“

Michael Ardizzone: Agency And Randomness

  • „We can think of randomness in terms of how close it is to the player. Since players express skill by reacting to events in ways that draw them closer to their goal, giving the player plenty of room to maneuver around random events allows us to add a lot of variety to designs without it costing much agency.“

Stefan Engblom: Quest for the Healthy Metagame

  • „You need to know your game. Play your game a lot, both during development and release. […] In the end, you’re the one who has to make the decisions. So it boils down to understanding the game.“

Thomas Grip: Traversal and the Problem With Walking Simulators

  • „Walking forward is just a matter of pressing down a key or stick. And unless you are my dad playing a game, this doesn’t pose any sort of challenge at all. Your brain is basically unoccupied and the chance of your mind starting to drift is very high. Instead of being immersed in the game’s world you might start thinking of what to cook for dinner or something else that is totally unrelated to the experience the game wants you to have.“

Jenseits des Tellerrands

Mason Miller: The Art of Blocking

  • „A character’s movement, that is how they move and where they move to, can convey meaning the same as color, music and dialogue.“

Neue Webseite: gamedesigntheory.org

März 13, 2017

Ich bin Mitbegründer einer neuen Webseite, auf der wir in Zukunft immer wieder ausgewählte Game-Design-Artikel kurz aufbereiten und verlinken werden.

Es soll im Idealfall eine Art „Kotaku der Game-Design-Theorie“ werden.

Bitte weitersagen! 🙂


Gwent: Ein Drahtseilakt im Hochgebirge

März 6, 2017

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Gwent, das ursprünglich als Nebentätigkeit in The Witcher 3 bekannt gewordene Sammelkartenspiel, wurde von Entwickler CD Projekt einer Generalüberholung unterzogen und kann nun auch vollkommen eigenständig und vor allem online gegen menschliche Gegner gespielt werden. Und schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass es sich in seiner Spielmechanik stark von typischen Genre-Vertretern abhebt.

Auf den ersten Blick hat Gwent einige Gemeinsamkeiten mit Prismata, dem Kickstarter-Erfolg der Lunarch Studios. In beiden Titeln platzieren die Spieler ihre Karten jeweils in drei Reihen vor sich und akkumulieren so Stärke- beziehungsweise Angriffspunkte. Die direkte Interaktion mit spezifischen Einheiten des Gegners ist vorhanden, aber nicht von so zentraler Bedeutung wie etwa in Hearthstone oder Magic: The Gathering. Im Vordergrund stehen eher langfristige Investitions­entscheidungen als rundenweise gekapselte Taktikrätsel.

Beide Spiele betonen dabei die Bedeutung des spielerischen Könnens und streben danach, die Abhängigkeit von Glücksfaktoren relativ gering zu halten. Partien laufen zwar stets unterschiedlich, letztlich jedoch deutlich konsistenter ab als bei der Konkurrenz. Dies setzt sich auch in den in aller Regel deterministischen Karteneffekten fort. Die Partien sollen durch planvolle Aktionen geprägt werden statt durch bloß oberflächlich spektakuläre „Jackpot“-Momente.

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Gwent (links) und Prismata im direkten Vergleich.

Prismata hat dabei jedoch, wie zuvor erläutert, das Problem, dass es bei diesem zunächst sehr löblichen Unterfangen zu weit geht. Die stark mathematische Natur des Grundsystems führt in Kombination mit dem völligen Verzicht auf versteckte Information zu einem beklemmend stressigen Spielgefühl. Statt Intuition und strategischer Abwägung dominiert die harte Berechnung optimaler Aktionsfolgen. Was das Kartenspiel der Witcher-Macher auf der anderen Seite in dieser Hinsicht sowie der Gesamtstruktur seiner Mechanik besser macht, soll im Folgenden beschrieben werden.

Ein Gwentchen Chaos

Zunächst ist Gwent (im Gegensatz zu Prismata) im Kern ganz klar ein Kartenspiel, in dem beide Spieler aus ihren vor der Partie zusammen­gestellten und gemischten Decks ziehen und die Kartenhand des Gegners verdeckt bleibt. Schon dieser Umstand allein sorgt für Unberechenbarkeit, bringt jedoch eine Portion Glück ins Spiel. Dem wird allerdings auf mechanischer Ebene sogleich entgegengewirkt.

So sind die Decks mit einer Minimalgröße von 25 Karten vergleichs­weise klein, wobei die meisten davon (nämlich die Bronzekarten) in bis zu dreifacher Ausführung vertreten sein können. Zehn Karten werden zudem schon zu Beginn einer Partie gezogen und bis zu drei davon ausgetauscht. Nach dem zugweisen Ausspielen der einzelnen Karten wird nicht nachgezogen, sondern lediglich zu Beginn von Runde 2 (zwei Karten) und 3 (eine Karte) des „Best-of-Three“-Formates. Es kann und muss also gleich zu Anfang einer Partie um den Kern der Starthand – die auch in jedem Fall komplett ausgespielt wird – herum geplant werden.

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Der Grat zwischen Strategie und Kartenchaos ist denkbar schmal.

Zudem lässt sich das Deck durch diverse Karteneffekte manipulieren, die etwa bestimmte Karten nach oben oder unten sortieren, auf den Abwurfstapel („Friedhof“) legen oder den Spieler doch noch zusätzliche Karten ziehen oder austauschen lassen. Dadurch wird die Konsistenz abermals erhöht. Die Spieler verfolgen also – in zig Variationen – stets die spezifische Strategie ihres Decks und werden nicht oder nur in geringem Maße durch zufällige Ereignisse fremdgesteuert. Dennoch bleibt das Spiel unberechenbar. Es gibt genügend versteckte Information, sodass sich die Spieler regelmäßig auf ihre Intuition verlassen müssen. Gwent stellt somit gewissermaßen ein Bindeglied zwischen dem oft stark zufallsabhängigen Hearthstone und dem extrem mathematischen Prismata dar, was den Einfluss chaotischer Faktoren auf das Gameplay betrifft.

Strukturelle Vorteile

Ähnlich verhält es sich die grundlegende Struktur des Spielablaufs betreffend. Hearthstone-Partien fühlen sich durch den „engen“ Informationshorizont oft wie eine Reihe von Zug um Zug generierten Rätseln an, die nur lose verknüpft sind. Es bleibt stellenweise wenig bis gar keine Zeit zur Reaktion (Stichwort: „Topdecking“). Anders ausgedrückt: Die strategischen Bögen („Arcs“) sind kurz, die Duelle um Boardkontrolle eher taktischer Natur.

In Prismata besteht ein Match dem gegenüber oftmals aus einem einzigen langgezogenen „Arc“, denn direkt zu Beginn stehen dem Spieler alle erdenklichen Informationen zur Verfügung. Sogleich wird die bestmögliche Strategie abgeschätzt und dieser Weg dann in der Regel konsequent bis zum Ende verfolgt – möglicherweise mit kleineren Anpassungen an die Ausrichtung des Gegners. Dadurch besteht ein extremes Ungleichgewicht zwischen der Bedeutung der entscheidenden ersten und oft kaum relevanten späteren Züge. So kommt es regelmäßig zu spielerischen „Durchhängern“ und das Spiel ist vergleichsweise schwer zugänglich.

Auch in diesem Fall gelingt es Gwent, eine bessere Balance zu finden. Wie oben angedeutet müssen zwei von drei Runden pro Partie gewonnen werden, um einen Sieg einzufahren. Rundensiege stellen hier also Zwischenziele – kleinere „Arcs“ – dar. Eine Runde dauert dabei so lange, bis beide Spieler sich entscheiden, zu passen. Bis dahin wird abwechselnd jeweils eine beliebige Karte aus der Hand gespielt. Es gibt kein Mana und keine Ressourcenproduktion. Das einzige endlich verfügbare Gut der Spieler sind ihre Karten, sprich deren Stärkewerte sowie Fähigkeiten. Dadurch ergibt sich eine hochspannende Dynamik. Denn wer früher passt, kann eventuell einen wertvollen Kartenvorteil für künftige Runden herausschlagen, auch wenn derjenige die aktuelle Runde damit möglicherweise abgibt.

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„Ciri“ (rechts im Bild) zielt langfristig auf einen Kartenvorteil ab.

Im nächsten Schritt ergeben sich aus dieser Rundenstruktur weitere Implikationen. Wer beispielsweise die erste Runde verloren hat, ist in der nächsten unter Zugzwang. Dies kann der Gegner wiederum nutzen, um den zurückliegenden Spieler beziehungsweise dessen Kartenhand „auszubluten“. Wenn in der dritten Runde – zu deren Beginn beide Spieler lediglich noch eine einzige Karte nachziehen – bloß noch zwei bis drei Karten gespielt werden, dann entscheidet schlicht die Qualität der Resthand. Mit dem eigenen Potenzial haus- und bestimmte Karten zurückzuhalten, um sie dann in im richtigen Moment „in den Ring“ zu werfen, sind Kernelemente des Spiels, die durch die Rundenstruktur enorm an Tiefe gewinnen. Durch spezifische darauf aufbauende Decksynergien lassen sich diese Aspekte zudem in Form teils sehr unterschiedlicher Spielstile betonen.

Dem alten Leid zum Trotz

CD Projekt positioniert Gwent also in mehrfacher Hinsicht in der „goldenen Mitte“ und meidet altbekannte Design-Stolperfallen. Das Spiel ist chaotisch genug, um langfristig Abwechslung zu bieten, jedoch letzten Endes stets klar skill- und strategiebetont. Die Rundenstruktur sorgt für eine angenehme Balance aus kurz- und langfristigen Zielen und fügt den zu treffenden Entscheidungen zugleich unzählige Nuancen hinzu. Sollte es gelingen, diese Stärken auch angesichts eines unvermeidlich wachsenden Kartenpools aufrecht zu erhalten, dürfte das Spiel unter Hobbystrategen und auch im E-Sport-Bereich eine glänzende Zukunft vor sich haben.

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Wer das Wetter kontrolliert, kontrolliert auch das Board.

Bei allem Lob für das Gameplay an sich soll am Ende jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass das Geschäftsmodell Gwents unter den üblichen Free-to-play-Querelen leidet. Spieler kaufen zufällig befüllte „Kartenfässer“ und ergrinden sich langsam ihre Sammlung oder beschleunigen diesen Vorgang unter hohem Echtgeldaufwand. Wer mithalten will, für den sind teure „epische“ und „legendäre“ Karten Pflicht. Möglicherweise handelt es sich dabei in der heutigen Zeit um eine finanzielle Notwendigkeit. Aus Spielersicht gestaltet sich dieser Aspekt dennoch äußerst suboptimal.

Trotzdem bekommen es Kartenspieler und Rundenstrategen hier mit einem außergewöhnlich lohnenswerten Genre-Neuzugang zu tun, der jenseits der Monetarisierung großes kompetitives Potenzial birgt. Zudem genießt bereits die aktuell laufende Betaphase enorme Aufmerksamkeit (unter anderem seitens einiger Hearthstone-Profis), sodass sich das Spiel allem Anschein nach langfristig am Markt etablieren dürfte. Und wenn schon den Sammelwahn mitmachen, dann doch beim spielerisch bislang besten Vertreter seiner Art, oder?


Ludomedia #33

Februar 22, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Elliot George: Emergence and Chaos in Games

  • „So there is a kind of tension here, chaos is good for increasing the number of mental models that we use, and therefore offers a lot of opportunities for systemic learning, but it also increases the usefulness of memorisation, which is mostly surface learning.“

Ethan Hoeppner: Information Generalizability

  • „Given that the core purpose of a game is to provide the player with interesting decisions that the player isn’t certain about, every moment spent calculating is at best a moment wasted, and at worst a mental burden that distracts from the important parts of the game. Thus, games should seek to have as little calculation as possible.“

Guido Henkel: A new recipe for the roleplaying game formula

  • „As I play through the current fare of CRPGs I can’t help but feel the genre has stagnated and has become utterly formulaic. I strongly feel that it is time for the next step in the evolution of the genre. Let us make use of the technologies and incredible processing power at our disposal for more than stunning visuals.“

Keith Burgun: Arcs in Strategy Games

  • „Arcs is one of the main ways you achieve a structural through-line between playing […] and winning or losing. […] If you have a good structural understanding of your arrangement of arcs, it suddenly becomes quite easy to know how short or long your game should be, which historically has been a pure mystery.“

Michael Ardizzone: Analogy And The Process Of Design

  • „There are plenty of ways we can improve on the modern process of game design incrementally, both through attaining a better understanding of game rules in the abstract, and also through using analogy more expertly and carefully given our knowledge of its limitations, but great power, as a design tool.“

Interview

Wolfgang Walk bei Pixelwarte

  • „Die Kunstform ist als ästhetisches und psychologisches Medium oder Wirkfaktor zu jung, um so untersucht zu sein, dass es Experten geben könnte. Es gibt sicherlich Leute, die mehr wissen als andere aber echte Experten sehe ich noch nicht.“

Age of Rivals: Mit Struktur zur Eleganz

Februar 20, 2017

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Spiele können sich bestimmte Strukturen in ihrem Regelwerk zunutze machen, um ihre Tiefe zu vervielfachen. Konkret kann die Einbindung verschiedener spielerischer Ebenen und deren Vernetzung den zu treffenden Entscheidungen zahlreiche Nuancen hinzufügen. Somit lässt sich die Lebenszeit des Systems auf höheren Meisterschaftsebenen verlängern, ohne dass die Zugänglichkeit signifikant eingeschränkt werden muss. Am Beispiel von Age of Rivals soll dies im Folgenden näher erläutert werden.

Eine Bemerkung vorab: Age of Rivals ist ein sehr gutes, aber kein perfektes Spiel. Insbesondere ist es stellenweise zu glücksabhängig. Allerdings basiert es auf dem Zusammenspiel zweier durchdachter Phasensysteme, die ineinander verflochtene strategische Bögen über den gesamten Spielverlauf spannen. Auch wenn diese Struktur zunächst sperrig wirken kann, lässt sich an ihr doch sehr anschaulich das Design-Prinzip der Emergenz demonstrieren: Vergleichsweise wenige Regeln führen zu einem Vielfachen an Spieltiefe.

Was ist Age of Rivals?

Im digitalen Kartenspiel von Roboto Games wetteifern zwei Spieler darum, wer die großartigere Zivilisation aufbauen kann. Der Kernmechanismus ist dabei die wiederholte Auswahl von jeweils einer aus drei bis vier Karten. Diesen sogenannten „Draft“ hat das Spiel beispielsweise mit dem modernen Klassiker 7 Wonders oder dem entsprechenden Spielmodus von Magic: The Gathering gemeinsam. Die Karten kosten jeweils Gold sowie verschiedene Ressourcen und gehören bestimmten Kategorien an. So können sie beispielsweise die militärische Stärke, die Wirtschaftskraft oder die Siegpunktproduktion steigern. Zudem haben viele Karten zusätzlich spezielle Effekte, die oft nur in bestimmten Situationen ausgelöst werden.

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Am Ende jeder Runde haben beide Spieler acht Karten vor sich.

Gespielt werden insgesamt vier Runden mit jeweils einer bestimmten Anzahl Kaufentscheidungen („Picks“). In der ersten Runde werden acht Karten ausgewählt und somit die Grundsteine der Zivilisationen der Spieler gelegt. In der zweiten Runde werden vier von diesen acht Karten zufällig erneut – und kostenlos – ausgespielt und zusätzlich vier neue gekauft. In der dritten Runde kommen anschließend vier der bisher insgesamt zwölf erworbenen Karten erneut zufällig ins Spiel und vier weitere Käufe bestimmen die finalen 16 Karten. Aus diesen stellt der Spieler in der vierten Runde erneut acht zusammen.

Vier Runden, zig Implikationen

Allein dieses Rundensystem bringt einige Implikationen mit sich. Kaufentscheidungen können nicht bloß rein mathematisch auf der Basis „Kosten versus Wert“ zum jeweils aktuellen Zeitpunkt getroffen werden, sondern haben Auswirkungen auf zukünftige Runden. Wer beispielsweise in der ersten Runde zu stark auf Ressourcenproduktion setzt, wird in der zweiten womöglich drei bis vier „tote“ Karten vor sich haben. Sind sie einmal dem Ressourcenpool des Spielers hinzugefügt, ist das erneute Ausspielen dieser Karten nämlich schlicht nutzlos.

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Wirtschaftskarten generieren Gold und spezielle Rohstoffe.

Somit gilt es bereits zu Beginn, eine Balance zwischen situativen Entscheidungen sowie der Optimierung zukünftiger Optionen zu finden. Auch wenn in den ersten Zügen naturgemäß der ökonomische Ausbau sinnvoll erscheint und später die Umstellung auf Militär beziehungsweise Siegpunkte, ist die jeweils beste Aktion alles andere als offensichtlich. Insbesondere in Kombination mit den Eigenheiten des Drafts – denn die abgelehnten Karten gehen zur Auswahl an den Konkurrenten – sind viele subtile Faktoren zu berücksichtigen. Die Ausbildung einer zu dieser strategischen Struktur passenden Intuition ist entsprechend komplex und langfristig interessant.

Tiefe durch Wertungsphasen

Doch damit nicht genug: In jeder der vier Runden erfolgt nach dem Draft eine Auswertung, die ihrerseits eine Phasenstruktur aufweist. Bei der Eroberung („Conquer“-Phase) geht es primär um die Anzahl der Angreifer, die sich in den jeweils acht Karten der beiden Spieler befinden. Wer mehr Angreifer hat, bekommt Bonuspunkte sowie -gold. Nur bei Gleichstand entscheidet die Höhe der Angriffskraft der einzelnen Einheiten. Letztere ist im folgenden Krieg („War“) wiederum der entscheidende Faktor, denn dort gilt es, alle Angriffspunkte des Gegenübers auf die Verteidigungspunkte der eigenen Karten zu verteilen – und zwar in der Regel möglichst so, dass diese nicht vollständig zerstört werden.

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Nach dem Draft schlägt die Stunde der Wahrheit.

Aus dem Zusammenspiel dieser beiden Phasen ergibt sich somit ein weiterer Dualismus in der Struktur des Regelwerks. Ein Spieler kann auf viele, in der Regel eher schwache, Angreifer setzen oder auf wenige starke, denn für beides sind weder genügend Ressourcen noch Kartenslots vorhanden. Idealerweise wird der Gegner in beiden Bereichen knapp überboten, sodass mit möglichst wenig Einsatz ein maximal effizientes Ergebnis erzielt werden kann. Angesichts der Unsicherheit über die kommenden Picks im Rundenverlauf handelt es sich dabei jedoch auch um das riskanteste Vorgehen, wodurch eine gewisse Grundspannung forciert wird.

Siegpunkte und Timing

Abschließend werden Siegpunkte für die nach dem Krieg noch intakten Karten vergeben („Score“). Diese Phase ist enorm wichtig, da in ihr zumeist ein Großteil der letztlich für den Sieg entscheidenden Punkte generiert wird. Allerdings kommt es dabei sehr stark auf die Unterstützung aus den vorangegangen Phasen an. In den ersten Runden muss genug Wirtschaftskraft aufgebaut werden, um später überhaupt Karten mit hohen Siegpunktwerten erstehen zu können. Zugleich muss jederzeit auf die militärische Stärke des Gegners geachtet und entsprechend abgewogen werden, ob eine weitere Siegpunktkarte überhaupt entsprechend geschützt werden und somit bis zur Abrechnung „überleben“ könnte.

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Nur Karten, die den Krieg überleben, können Punkte bringen.

Durch die Phasenstruktur kommt somit auch ein gewisser Timing-Aspekt ins Spiel. Verschiedene Aspekte sind zu bestimmten Zeitpunkten unterschiedlich wichtig. Nicht nur sind die – isoliert betrachtet – mathematisch besten Picks nicht immer optimal für künftige Runden, sondern es muss auch stets die Dynamik zwischen Eroberung, Krieg und Siegpunktvergabe innerhalb der aktuellen Runde in die Entscheidungen einbezogen werden. Daraus ergeben sich wiederum zusätzliche Implikationen, sodass der Draft niemals aus eindeutig gelösten Entscheidungen besteht, sondern immer wieder zum Durchdenken des Gesamtkontextes der Partie anregt.

Auch wenn Age of Rivals im Detail betrachtet zunächst kompliziert wirkt, so handelt es sich doch um ein vergleichsweise zugängliches Spiel. Die Kernmechanik geht bereits nach wenigen der etwa viertelstündigen Partien in Fleisch und Blut über. Die Spieltiefe „versteckt“ sich wie erläutert in der Struktur der Runden sowie deren Auswertung. Aus der engen und vielfältigen Verknüpfung dieser beiden Systeme zu einer kohärenten Gesamtstruktur ergeben sich unzählige strategische Nuancen, die vom Spieler Stück für Stück entdeckt werden können. Die oberflächlich sichtbare Komplexität des Regelwerks bleibt dabei vergleichsweise gering – ganz getreu dem Leitspruch der Eleganz: Leicht zu lernen, schwer zu meistern.


Ludomedia #32

Januar 31, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Brandon Rym DeCoster & Scott Rubin: Quitting

  • „Games are not real life. […] If you can’t quit them they’re not games. If you design games, you have to at least consider the idea that someone might quit your game in the middle of it. And you have to decide how you want that experience to play out for all involved.“

Christopher Gile: XCOM 2 and Vision: The Cost of an Illusion

  • „Deep systemic flaws in design usually don’t present in expected ways and before we can start talking about solutions we have to be able to properly diagnose the problem.“

Daniel Cook: Game design patterns for building friendships

  • „[Games] operate on the same scale as sports, religions and governments. Such engineered human processes can help players thrive in designed virtual spaces and ultimately in their real lives.“

Frank Lantz et al.: Depth in Strategic Games

  • „A game with great depth is one that seems to unfold into an endless series of challenging problems and responds to serious thought by continually revealing surprising and interesting things to think about.“

Jochen Gebauer: Glücksspiele und Kriegsverbrecher

  • „Ich habe einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir eine altbekannte Frage einmal unter einem völlig anderen Blickwinkel betrachten. Sie lautet: Warum handeln Spieler scheinbar ständig gegen ihre eigenen Interessen?“

Eine Designer-Kultur für Videospiele

Januar 23, 2017
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Vorreiter der „German board games“: Die Siedler von Catan (1995)

Im Reich der Brettspiele steht der Begriff „German-style board game“ (heute auch „Eurogame“) für einzigartige Designmerkmale und beschreibt eine der populärsten Strömungen auf dem Markt. Im digitalen Sektor sieht es hingegen eher duster aus – insbesondere für Titel aus Deutschland im internationalen Vergleich. Immer wieder kämpfen Studios mit qualitativen und in der Folge auch finanziellen Problemen. Es mangelt an Identität. Stellen werden abgebaut und Studios geschlossen. Einflussreiche Stimmen sehen sich bereits zum „Weckruf“ gezwungen. Warum dieser Gegensatz?

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Ludomedia #31

Januar 19, 2017

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Christian Neffe: Kritik: „Assassin’s Creed“

  • „Videospielverfilmung des Macbeth-Regisseurs, die weder visuell noch inhaltlich zu überzeugen weiß. Stattdessen: Eine Herausforderung für die Augen, die in philosophischem Nonsens ertränkt wird.“

Extra Credits: Strategic Uncertainty

  • „It’s a really tough task to balance a well-honed system which you can plan and strategize around, while having uncertainties that make that system always feel fresh.“

Jamie Madigan & Scott Rigby: Self Determination Theory and Why We Play Games

  • „You can motivate yourself just fine. What I want to do is create an environment that facilitates you being able to satisfy those needs. When that happens, you value those experiences.“

Matthew Dunstan: The Crossover: Goals in Games

  • „Most games will use a mixture of intrinsic and extrinsic goals, and that exact mix and how it is chosen is an important parameter a designer can tweak to gain a desired player experience.“

Steven Hutton: Why are MOBAs so toxic?

  • „Once you start losing, things can snowball on you very easily and while comebacks do happen the set up of the game makes them inherently difficult to pull off.“

Jenseits des Tellerrands

Evan Puschak: How Louis CK Tells A Joke

  • „There are 207 words in this joke and not a single one is wasted. […] Great standup comedy is language distilled to its most potent form.“

Ludomedia #30

Dezember 29, 2016

Ludomedia

Lesens-, hörens- und sehenswerte Fundstücke aus der Welt der Spiele.


Charlie Cade: When To Use Actor Faces in Video Games

  • „There’s also that nagging feeling […] of trying to legitimize the medium by shoehorning stars from a more established one into ours, which I can’t believe we haven’t grown out of yet.“

Katharine Neil: How We Design Games and Why

  • „It is time we returned to this unanswered question of formal, abstract design tools for game design. Until we have the tools to design with our minds and not just with our hands, we are limiting ourselves creatively. In games, these limits include having our creative process held hostage by the oftentimes alienating and frantic churn of the production and testing cycle.“

Keith Burgun: Clockwork Criteria: Guidelines for Ideal Strategy Game Design

  • „There are certainly practical reasons why you might not want a specific game to be a Clockwork game. But to the extent that you want your strategy game to be elegant, you should adopt as many of these principles as possible.“

Samual Ratchkramer: „How Hard?“ More Like „Hard How?“

  • „When the controls occupy less of a player’s headspace, there’s more room for considering a system, the game proper. While the potential is there, designers need to be careful to not squander it by taking all those old shortcuts.“

Soren Johnson: Donald Trump Won Because Of Bad Game Design

  • „Although rules are written to favor certain outcomes, they must be judged not just by what they fix in the best-case (shortening the primaries) but also by what they enable in the worst-case (Donald Trump).“

Geschmacksurteile sind Vorurteile

Dezember 15, 2016
enginesofplay

Engines of Play: Ein Modell aus Modellen.

Im Grunde ist es keine neue Erkenntnis: Der persönliche Geschmack führt uns durch die Welt der Unterhaltungsmedien. Dank ihm wissen wir, in welchem Gang der DVD-Abteilung wir uns wohl fühlen und welche Kategorie wir im Steam-Store auszuwählen haben. Ob die vermeintlichen Objekte der Begierde letztlich auch den erwünschten Gegenwert für etwaige Zeit- und Geldinvestitionen liefern, steht jedoch auf einem anderen Blatt. Im Fall von Videospielen gingen diesem Phänomen in den letzten Jahren einige Studien unter der Leitung Jason VandenBerghes auf den Grund. Deren Ergebnisse präsentierte er auf der GDC.

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