Warum eigentlich Pok√©mon Go?

July 20, 2016

Pokemon-Go

Pok√©mon Go! Das hei√üt zun√§chst einmal technische Probleme ohne Ende, immenser Akkuverschlei√ü, erh√∂hte Unfallgefahr, dubioses Werbepotenzial und ziemlich flaches Gameplay. Allerdings auch Abermillionen Spieler. Ja, sind die denn alle verr√ľckt? Oder hat das Massenph√§nomen doch etwas f√ľr sich und ist anhand etablierter psychologischer Theorien zu erkl√§ren?

Schon vor einer Weile wurde an dieser Stelle der enge Zusammenhang zwischen Spielen und der Selbstbestimmungstheorie der Motivation (“Self-determination Theory”) aufgezeigt. Zur Erinnerung: Letztere sieht in den Grundbed√ľrfnissen nach Autonomie (Kontrolle und Selbst√§ndigkeit), Kompetenz (Meisterschaft und Dominanz) und sozialer Eingebundenheit (durch bedeutsame Interaktion) die wichtigsten Ma√üst√§be menschlicher Eigenmotivation.

Anhand dieser Faktoren l√§sst sich nicht nur, wie im verlinkten Artikel geschehen, die Faszination League of Legends erkl√§ren. Weitere aktuell sehr erfolgreiche Titel wie Dota 2, Battlefield, Hearthstone, Counter-Strike, Rocket League, Overwatch und dergleichen sind allesamt non-linear und werden durch Spielerentscheidungen getragen (Autonomie). Sie haben eine kompetitive Struktur und liefern durch kurze Matches zeitnah Feedback bez√ľglich der eigenen Leistung in Form von Sieg oder Niederlage (Kompetenz). Zudem sind sie klar auf den Multiplayer fokussiert und haben gro√ües E-Sport-Potenzial (soziale Komponente). Nat√ľrlich gibt es auch zahlreiche Titel, die nur ein oder zwei S√§ulen der Selbstbestimmung bedienen. Grunds√§tzlich l√§sst sich aber, gerade was langfristig erfolgreiche Spiele betrifft, ein Trend in die beschriebene Richtung nicht leugnen.

Auch wenn Pok√©mon Go sich in Sachen Wettkampftauglichkeit und Spieltiefe nat√ľrlich stark von den genannten Titeln unterscheidet, schl√§gt es psychologisch betrachtet in genau die gleichen Kerben. Am¬†umstrittensten d√ľrfte dabei der Aspekt der Kompetenz sein, denn weder das Werfen der Pok√©b√§lle noch die simplen Arenaduelle erfordern sonderlich viel Skill. Mit gen√ľgend Zeit und Ausdauer¬†l√§sst sich auch von “schlechten” Spielern letztlich jedes beliebige Level ergrinden. Was dennoch bestehen bleibt, ist das Streben nach Meisterschaft √ľber das System – in diesem Fall √ľber den Pok√©dex. Diesen √ľber die Zeit mit m√∂glichst allen verf√ľgbaren und noch so seltenen kleinen Monstern zu f√ľllen, stellt von Anfang an ein – nicht zuletzt dank der Gameboy-Klassiker und Fernsehserien – absolut klares Ziel dar. Darin unterscheidet sich Pok√©mon Go fundamental von vielen anderen Free-to-play-Titeln, die Spielern allzu oft lediglich allgemeinen Fortschritt nahelegen (“Baue deine Farm aus!”). Ein derart plastisches Endziel, auf das schrittweise und dennoch stets ganz direkt hingearbeitet werden kann, bieten sie jedoch nicht an.

In Sachen Autonomie trumpft Nintendos Gl√ľcksgriff dann aber endg√ľltig auf, indem es sich einer der grundlegendsten Freiheiten des Lebens bedient: der Fortbewegung in der realen Welt. Durch die direkte Verkn√ľpfung mit Google Maps wird das Spiel gewisserma√üen zur ultimativen “Open World” – jedenfalls mehr oder weniger. W√§hrend Spieler bei der Erkundung virtueller Welten oft an nur notd√ľrftig erkl√§rte Grenzen sto√üen, befinden sie sich pl√∂tzlich mit all den ihnen zur Verf√ľgung stehenden Mitteln der Fortbewegung im Spiel. Sie kontrollieren nicht nur ihren Avatar, sondern sind es selbst. Obwohl Pok√©mon Go auch an dieser Stelle rein spielerisch betrachtet sehr seicht und die Monsterjagd letztlich vor allem Gl√ľckssache bleibt, ist die √ľber diesen intuitiven Steuerungsmechanismus vermittelte Freiheit ein enormer Motivationsfaktor. F√ľr all diejenigen, die Ingress, die vorherige App von Entwickler Niantic, nicht kennen, d√ľrfte es zudem eine v√∂llig neue Art des Spielens darstellen. Und auch wenn noch nicht sonderlich viel Gameplay dahinter ist, wird doch zumindest das Potenzial f√ľr k√ľnftige, st√§rker durchdesignte Projekte aufgezeigt.

Zu guter Letzt ist der soziale Aspekt die wohl gr√∂√üte St√§rke des Spiels, die sich zudem durch dessen Popularit√§t mittlerweile selbst potenziert. Es treffen sich keine virtuellen Verk√∂rperungen im Spiel, sondern echte Menschen in der eigenen realweltlichen Umgebung. √úberall sind auf ihre Handys starrende Einzelpersonen oder auch Gruppen unterwegs. Autos bleiben mit Warnblinkanlage am Stra√üenrand stehen, weil ein besonders seltenes Exemplar in der N√§he ist. Mit “Lockmodulen” ausgestattete Pok√©Stops ziehen innerhalb weniger Minuten Spieler aus der n√§heren Umgebung an (und sorgen in ihrem Radius schon mal f√ľr erh√∂hten Umsatz). Arenen werden nicht nur im Spiel besetzt, sondern gerne auch live vor Ort bewacht. Auch in Sachen Viralit√§t setzt Pok√©mon Go also viel eher auf die reale als die virtuelle Welt – oder eben auf die sagenumwobene “Augmented Reality”, die aufgrund der Omnipr√§senz des Spiels gef√ľhlt erstmals wirklich zu entstehen scheint.

Und so kommen dann also immer wieder solche gleichermaßen großartigen wie befremdlichen Szenen zustande:

In jedem Fall d√ľrfen wir gespannt sein, in welche anderen erweiterten Wirklichkeiten wir in Zukunft noch gef√ľhrt werden…